Persönlicher Status und Werkzeuge

Sprachwahl


Züchtung von Unterlagen und Sorten


Die Aufnahme umfangreicherer züchterischer Arbeiten in das Programm des Lehrstuhls erfolgte nach dem Auslaufen der Obstzüchtung in Köln-Vogelsang. Durch die im Umfang des Personalbesatzes begründete Beschränkung der Ahrensburger Arbeiten auf den Apfel waren darüber hinaus Defizite beim Stein- und Beerenobst zu erwarten. Beim Steinobst ging es weniger um Fragen einer Verbesserung der jeweiligen Sortimente als um die Möglichkeit, mit Hilfe schwachwuchsinduzierender Unterlagen die betriebswirtschaftlichen Aussagen zu verbessern. Bei Süßkirschen zeigten Veredlungskombinationen mit aus Niederbayern stammenden wilden Prunus cerasus zwar interessante Erfolge, gleichzeitig aber auch die Gefahren und Grenzen zufälliger bzw. zu kleiner Populationen auf. Prunus tomentosa (Sektion microcerasus) versagte bei Süßkirschen total, eröffnete jedoch aussichtsreiche Perspektiven für den Formenkreis Prunus domestica. Beim Beerenobst beschränkten sich züchterische Arbeiten in der BRD ausschließlich auf die Erdbeere. In dem Maße wie entsprechende private Aktivitäten ausliefen, kamen zunehmend holländische Sorten auf den Markt, die abgesehen von gelegentlichen Auswinterungsschäden als adaptiert und damit hochleistungsfähig gelten müssen. Aufgrund ihrer hohen Sensibilität gegenüber Phytophthora fragariae führten sie im Anbau jedoch zu erheblichen, neuen Problemen. Bei der Unterlagen- und Sortenzüchtung ist im gleichen Maße auf eine ausreichende Frosthärte zu achten. Der Einsatz einer teuren und nur bedingt für eine Simulation geeigneten Klimakammer erübrigte sich durch eine Reihe sehr strenger und/oder in ihrem Witterungsverlauf atypischer Winter (bes. 1984/85). Sämlinge aus den Steinobstunterlagenprogrammen wurden darüber hinaus in getopftem Zustand ohne Schneeschutz überwintert (Halbstrauch mit spätem Triebabschluß). Bei Brombeeren ließen sich auf diese Weise umfangreiche Populationen auf etwa 1/10 reduzieren. Lediglich Kiwihybriden (Actinidia arguta x deliciosa) wurden als einjährige Sämlinge aus methodischen Gründen und wegen ihres geringen Platzanspruches in einer Klimakammer gestaffelten Kältegraden ausgesetzt. Der Selektionsstandort Weihenstephan ist aufgrund seiner geographischen Höhenlage nicht nur durch extreme winterliche Temperaturen gekennzeichnet. Spätfröste gefährden recht häufig (wie auch in den meisten Obstbaugebieten) die Blüte und damit Ertragshöhe und -sicherheit. Eine artspezifische hohe Belastbarkeit der Blüten bis zu -13° C ist nur bei Sanddorn gegeben. Bei allen anderen Obstarten besteht eine hohe Sensibilität; innerhalb der Sortimente gibt es zwar Unterschiede, deren Bandbreite ist jedoch gering. Am sichersten ließen sich Verluste über eine Verzögerung des Blühtermins abfangen. Für die extrem gefährdete Süßkirsche (hier erhöht die bodennahe Krone leider das Frostrisiko!) ist ein entsprechendes Sortenzüchtungsprogramm angelaufen. Eine weitere Möglichkeit bietet ein in unserer Unterlagenpalette gefundener Cerasus-Typ, der die Blüte der aufveredelten Sorte um ca. eine Woche verzögert. Inwieweit beim Apfel der etwa 4 Wochen betragende Entwicklungsverzug der Sorte 'Spätblühender Taffetapfel' auf dem Umweg über Unterlagen genutzt werden kann, ist noch offen. Ein positiver Aspekt der durch den Anbau in klimatisch weniger günstigen Lagen bedingten Verzögerungen bei Wachstums- und Reifeprozessen der Früchte (eine Höhenzunahme von 100 m führt zu einer um ca. 3 Tage späteren Ernte) liegt in verbesserten Marktchancen über nach dem Hauptangebot wieder ansteigenden Preisen. Spätsorten können ähnliche Vorteile bringen und bedeuten für den Praktiker eine Brechung von Arbeitsspitzen sowie eine Risikominderung im Fall schlechten Erntewetters. Bei Erdbeeren läßt jedoch ein züchterischer Erfolg bisher dadurch auf sich warten, daß Spätsorten im Herbst des Vorjahres entsprechend später induzieren und über weniger Folgeblütenstände bzw. eine geringere Ausdifferenzierung Ertragseinbußen zur Folge haben. Bei Süßkirschen konnte ein interessanter Donator für späte Reife gefunden und eingekreuzt werden. Die Kopplung mit geringer Fruchtgröße hat dazu geführt, daß in der derzeit vorliegenden F1-Generation noch keine marktfähige Sorte gefunden wurde. Der Boden des Selektionsstandortes Weihenstephan ist für Steinobst zu schwer. Eine Vernässung führt zu Streß. Umgekehrt wurden in Trockenjahren (zuletzt 1991 und 1992) Zusatzwassergaben bis zum Eintreten des Welkepunktes aufgeschoben um somit auch Trockenstreß in den Selektionsprozeß mit einzubauen. Obstzüchtung ist nicht zuletzt auch ein Platzproblem. Die beschränkten Flächen des Lehrstuhls zwangen und zwingen zu einem möglichst früh eingebauten und effizientem Screening. Soweit nicht die bereits angesprochenen Standortvorgaben in diesem Sinne genutzt wurden, bewährten sich optische Methoden Auffinden vollfertiler dekaploider Erdbeeren über Blattstrukturen), Veredlungsstreß (dauerhafte Affinität bei Prunus cerasus/P. avium-Kombinationen) und künstliche Infektionen (im Sämlingsstadium bei der Resistenzzüchtung von Himbeeren in Zusammenarbeit mit dem Lehrstuhl für Phytopathologie). Mit dem zuletzt angesprochenem Programm wird auch ein Beitrag zur Verringerung des Einsatzes chemischer Pflanzenschutzmittel geleistet. Die imbeerpflanze, die bei inzwischen deutlich angestiegenen generativen Leistungen jährlich ihr gesamtes vegetatives Gerüst austauscht "investiert" nur sehr sparsam in ihren Holzkörper. Die Folge ist eine hohe Anfälligkeit von Wurzel- und Sproßsystem gegenüber Schadorganismen. Im Falle des Wurzelsterbens (Phytophthora fragariae var. rubi) bleibt neben der Unzugänglichkeit der zu schützenden Organe ein verseuchter Boden, der einen Nachbau über Jahre unmöglich macht. Resistenzzüchtung führt über den meist unumgänglichen Rückgriff auf Wildformen zwangsläufig zu Langzeitprogrammen. Im vorliegenden Fall wurde mit einer relativ alten amerikanischen Sorte ('Latham') ein äußerst interessanter Resistenzträger gefunden. Der Schwachpunkt einer geringen Fruchtgröße konnte durch in dieser Hinsicht wertvolle europäische Sorten relativ schnell kompensiert werden. Dabei scheint mit der Verwendung einer läusefesten Sorte auch eine Mehrfachresistenz gelungen zu sein. Unter die "Rubrik Resistenzen" fallen auch die (gewollt vorsichtigen!) Selektionsarbeiten an zwei Wildobstarten, deren Status weitgehend gehalten werden soll. Beim Sanddorn besteht über den Standort ein weiterer Bezug zu der vorrangig bearbeiteten Bergvariante, die flußbegleitend aus den Alpen auch im Isartal heimisch war. Mit Actinidiaarguta wurde eine im Holzkörper enorm frostharte, spätreifende und außerordentlich wohlschmeckende Wildform eingeführt, die bisher keinerlei Krankheiten oder Schädlingsbefall aufwies. Sinnvoll erscheint jedoch auch hier eine sich abzeichnende Möglichkeit der Austriebsverzögerung, da der Austrieb im Frühjahr spätfrostgefährdet ist. Während über die Anspruchslosigkeit des Sanddorn Anbaumöglichkeiten für klimatisch und bodenmäßige Grenzlagen erschlossen werden und ein Beitrag zum Thema Verwertungsobst geleistet wird, eignet sich die Weihenstephaner Kiwi ('Weiki') bevorzugt für den Hausgarten (Begrünung von Wänden, Zäunen, Pergolen). Thematisch sind aber auch die Wiesenerdbeeren sowie der größenreduzierte Steinobstbaum für diese letztgenannte Standortvariante interessant, da Pflegeleichtigkeit und eine hohe Flächenproduktivität wichtige Kriterien für den Obstbau im Hausgarten darstellen.

ObstartZuchtzielStand
I. Unterlagen 
Süß- und SauerkirschenVerringerung der vegetativen Entwicklung, Verkürzung der ertraglosen Phase, leicht zu beerntende, ggf. zu überdachende und einzunetzende Bäume, Wuchsstaffel, Verträglichkeit mit breitem Sortiment, ggf. Blühverzögerung der EdelsortenAuslesen aus im Handel sin Weiroot 10, 13, 154, 158
Hybriden mit problematischen Edelsorten
Prunus domesticawie bei Kirschen, Affinitätsprobleme zweitrangigfrostharte, hochfertile und trockenheitsresistente Auslesen von
schnellerer Umtrieb als Chance, Scharkainfektionen auszuweichenAus über 200 Klonen befinden sich 40 in einer breiten Sortenprüfung. Weito 6 und Weito 226 im Handel
ApfelStandortvariante "Süd" für apomiktische Apfelunterlagen aus der Bundesforschunganstalt für gärtnerische Pflanzenzüchtung Ahrendsburg, austriebsverzögerung bei Edelsorten oder spätaustreibende UnterlagenSortenprüfung im 4. Standjahr
 Testkreuzungen und Modellversuche, Frühselektion über Austrieb der Unterlagensämlinge, zunächst ca. 1000 Sämlinge
II. Wildobstarten 
Sanddorn  
Auslese rel. großfrüchtiger, ertragreicher Typen für Schnitternte und Gefrierdrusch (gute Regeneration)30 Typen in engerer Auswahl, vegetative Vermehrungsversuche erfolgreich
Auslesen hinsichtlich eines breiten Spektrums wertgebender Inhaltstoffe1 Typ mit außerordentlich hohen Gehalten an wertgebenden Inhaltstoffen im Anbauversuch
Kiwi  
(Weiki)pflegeleichte, frostharte, geschacklich hochwertige Typen
geringe Sensibilität gegen Spätfröste
Reifestaffel
Selbstfertilität
1 Typ im Handel (männliche Pfalzen sind noch erforderlich), in einer F2 sind aussichtsreiche Typen vorhanden
Hybriden mit frostharte Formen ohne Behaarung mit größeren Früchten als , Geschmacksverbesserung gegenüber A. deliciosa, ggf. als Unterlage/Stammbildner für (Frosthärte, Wuchsreduzierung)Reduzierung einer umfangreichen F1 durch künstliche, gestaffelte Frostung
Veredlungsversuche angelaufen
III. Edelsorten 
Süßkirschespäte Blüte (Minderung der Blütenfrostgefahr), späte Fruchtreife (Reifestaffel), verminderte Platzgefahr durch Reife im weniger niederschlagsreichen SpätsommerTransgression in F1-Generation durch Kombination rel. später Sorten, deutlich später reifende Typen in F1-Generation, jedoch noch ohne Sortenwert, da Fruchgröße zu gering
ErdbeereEinkreuzen von Wildformen in die Gartenerdbeere (Widerstandsfähigkeit, Geschamck, Wiesenbildung) 
a) Fortführung der Arbeiten von unter Verwendung einer hexaploiden Hybride x 168
b) Einschleusen des Genoms in großfrüchtige Linien
Spätsorten mit befriedigenden Ergebnissen
"Florika": neben geforderten Zuchzielen sehr leicht zu entkelchen (ggf. für maschinelle Ernte im Kämmprinzip),
hocharomatische aber nur mittelgroße Früchte, Chromosomenstatus noch nicht untersucht, Populationen und Selektionen verschiedener Kreuzungsserien in Prüfung, Probleme mit Fetilität und Leistungpotential
HimbeereResistenz gegendie Wurzelfäule (Phytophthora fragariae var. rubi)durch einkreuzen von "Latham" (Strigosus-Resistenz) und Frühselektion nach künstlichen Infektionen, Auslesen der umfangreichen Kombinationsprogramm mit großfrüchtigen Sorten, erste Typen mit Sortenwert in Vermehrung und auf verseuchten Flächen in Prüfung
BrombeereKombination von Frosthärte (=regelmäßiges Ernten) mit dem Leistungsstandard und der Dornlosigkeit des US-Sortiments