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Veredelung

Veredlung als Möglichkeit der Baumerziehung


Das Veredeln ist heute weit mehr als eine Vermehrungsmethode. Durch die vielfältigen physiologischen Einflüsse der verwendeten Unterlagen können Eigenschaften des zusammengesetzten Baumes verändert und verbessert werden. Das gilt für Widerstandsfähigkeit gegenüber schädlichen Umwelteinflüssen sowie die Wuchsstärke. 

Prüfung von Zwischenveredlungen für 'Cox Orangenrenette' auf M9. 

Die Frostempfindlichkeit des Holzes und die Kragenfäuleanfälligkeit bedeuten eine große Gefahr für den Obstbaum. Insbesondere bei Halb- und Hochstämmen der Sorte 'Cox Orangenrenette' ist wegen der Frostempfindlichkeit des Holzes die Verwendung eines Stammbildners allgemein üblich. 
Die kostenaufwendige Einschaltung einer Zwischenveredlung bei der Anzucht von Obstgehölzen ist nur dann berechtigt, wenn sie Affinitätsprobleme zwischen Unterlage und Edelsorte überbrückt, eine positive Beeinflussung von Wuchs- und Ertragsverhalten bewirkt und zu einer Erhöhung der Widerstandsfähigkeit der Gesamtkombination führt. 
Der Einfluß der Zwischenveredlung auf die Wuchsstärke der Edelsorte ist unbestritten und beim Apfel oft ähnlich groß wie der Unterlageneffekt. Als Ergebnis zahlreicher in- und ausländischer Versuche zu dieser Frage wird wiederholt herausgestellt, daß die Wuchsstärke des schwächsten Veredlungspartners für die vegetative Entwicklung der Kombination maßgebend sei. Es hat aber den Anschein, daß nicht in jedem Falle ein schwachwachsender Zwischenstamm auch Schwachwüchsigkeit bei der Edelsorte bedingt und daß umgekehrt eine stark wachsende Zwischenveredlung nicht immer einen wuchsfördernden Einfluß zur Folge hat. Es ist eine merkwürdige Tatsache, daß gelegentlich schwachwachsende Sorten, als Zwischenstamm verwendet, an der Edelsorte einen stärkeren Trieb auslösen können als bei Direktveredlung der Sorte auf die gleiche Unterlage. Der Einfluß einer Zwischenveredlung auf die Wuchsstärke der Edelsorte kann auch zeitlich sehr begrenzt sein. Auf Dauer kann offensichtlich die Wuchsstärke eines Baumes durch eine Zwischenveredlung nicht geregelt werden. Es ist durchaus denkbar, daß bei einer kräftig wachsenden Edelsorte nach einem ersten bremsenden Effekt der Zwischenveredlung mit der Zeit der typische Wuchs der Unterlage derart dominiert, daß doch noch ein großkroniger Baum resultiert. Für einen endgültigen Effekt ist weitgehend die biochemisch bedingte Innigkeit der Verwachsung zwischen den Veredlungspartnern maßgebend, die wiederum stark von Klima, Boden und evtl. auch von Viruskrankheiten abhängig ist. 

 

Kronenvolumen der Sorte "Cox Orangenrenette" auf Unterlage M9 mit Zwischenveredlung

 

Zwischenveredlung

Schöner von Herrnhut

6,29

Jakob Fischer

6,09

Litauer Pepping

5,85

Boskoop

5,80

Maunzen

5,72

Gravensteiner

5,47

Rote Sternrenette

5,45

M 104

5,30

Roter Bellefleur

5,24

Wiltshire

5,10

Ohne Zwischenveredlung

5,09

Berlepsch

5,02

Winesap

4,65

Danziger Kantapfel

4,45

M 7

4,41

Roter Boskoop

4,22

Jonathan

4,00

Roter Trierer

3,84

Croncels

3,56

Zwischenveredlungen bei Süßkirschen 

Ende der 60er Jahre stellte sich bei Süßkirschen die Frage nach einer Zwischenveredlung primär unter dem Aspekt der Wuchsminderung. Die bis dato zur Verfügung stehenden Unterlagen für die Süßkirsche waren allesamt schlecht vermehrbar, wenig standfest, auf bestimmte Bodenarten fixiert oder sind wegen ihrer Wurzelausläufer ungeeignet. Parallel zu den Weihenstephaner Selektionsarbeiten mit Prunus-cerasus-Klonen aus Niederbayern wurde ein Versuch mit insgesamt 9 Zwischenveredlungen durchgeführt. Über die positiven Effekte von Zwischenveredlungen bei Kirschen waren inzwischen widersprüchliche Meldungen aufgetaucht. 
Am Ende der zehnjährigen Laufzeit des Versuches läßt die vegetative Entwicklung von drei Süßkirschensorten ('Hedelfinger', 'Büttners' und 'Schneiders') erkennen, daß Zwischenveredlungen den Unterlageneinfluß von Prunus avium hinsichtlich der Wüchsigkeit meist nur in äußert geringem Maß zu reduzieren vermögen. Demgegenüber können jedoch der Ertragseintritt und die spezifische Ertragsleistung verfrüht bzw. verbessert werden.

Einflüsse verschiedeneer Zwischenveredlungen auf vegetative und generative Merkmale von Süßkirschensorten
(Wurzel: P. avium F 12/1)

 

Stammquer-schnittsflächen  (rel. Unter- 
lage = 100 )

Baum-höhe

Kronen- 
grund-riss

Kronen- 
volmen

Erträge 
ges

Erträge 
spezif.

Zwischenver-edlung

Zwischenv.

Sorte

m

kg

kg/m³

F12/1 (Kontrolle)

88

90

6,10

17

41

88

2,2

Hortense

76

93

5,03

13

27

89

3,4

Schatten-morelle

48

82

5,53

18

42

134

3,2

Schwäbische Weinweichsel

49

90

5,26

16

34

112

3,3

Köröser Weichsel

60

168

4,33

8

15

33

2,1

Weiroot 11

56

97

6,00

18

43

114

2,7

Weiroot 13

44

105

5,76

15

36

120

3,1

Stockton Morello

40

95

6,06

15

37

117

3,2

P. fruticosa

58

93

5,46

13

29

95

3,3

Die Verwendung artfremder Formen bestätigt eine weitgehende Eignung von Prunus cerasus. Wenn in der Vergangenheit auf Zwischenveredlungen zurückgegriffen werden mußte, lag dies am Fehlen geeigneter vegetativ vermehrbarer Wildformen bzw. für Edelsorten geeigneter Vermehrungsverfahren (Gewebekultur). 
Der Bremseffekt von Zwischenveredlungen ist zwangsläufig sehr komplexer Natur (Grad der Querschnittsverengung, Transportgeschwindigkeit), bezieht aber die hormonelle Steuerung aus dem Wurzelkörper zwangsläufig nicht mit ein. Das völlig unerwartete Verhalten von Prunus cerasus W11 läßt den Stellenwert dieser Einflußgröße erkennen. 
Das Kronenvolumen wurde durch die Mehrzahl der Zwischenveredlungen nicht oder nur unbedeutend verringert. Nach 10 Standjahren führen ´Weiroot 11´ und 'Schattenmorelle' sogar zu leicht größeren Kronen als die Kontrolle. Diese zum Verhalten als Edelsorte widersprüchliche Wachstumsbeeinflussung der Zwischenveredlung 'Schattenmorelle' und 'Köröser' wiederholt sich bei den Unterlagenextremen W11 (schwach) und W13 (mittelstark). 
Im Gegensatz zu den Edelsorten verfügt bei den Unterlagen der schwächere Typ über ein stärkeres Dickenwachstum. Auf diese Weise lassen sich Versorgungsengpässe überproportionierter Kronen vermeiden, sofern in den verschiedenen Zwischenveredlungen nicht auch unterschiedliche Transportge-schwindigkeiten vermutet werden müssen. Letztlich darf jedoch ungeachtet verwandtschaftlicher anatomischer sowie physiologischer Beziehungen und Wechselwirkungen im Bereich der Veredlungsstelle nicht übersehen werden, daß eine zur Zwischenveredlung umfunktionierte Unterlage ihre hormonelle Steuerung aus dem Wurzelkörper verloren hat und deshalb anders reagieren kann. 

Einfluß der Veredlungshöhe auf Wuchs und Ertrag bei 'Cox Orangenrenette', veredelt auf M9 

Die Tatsache, daß die durch die Pilze Phytophthora cactorum und Phytophthora syringae verursachte Kragenfäule an 'Cox Orangenrenette' und anderen wichtigen Handelsorten fast ausschließlich an der Basis der Stämme unmittelbar über dem Erdboden auftritt, die für diese Sorten vielgebrauchte Unterlage M9 aber nicht befällt, legt den Gedanken nahe, die anfällige Edelsorte durch Höherverlegung der Veredlungsstelle aus der gefährlichen Bodennähe herauszuheben. Da es nicht möglich ist, die zur Veredlung aufgeschulten Unterlagen M9 als Stammbildner zu benutzen, d.h. erst in 40-60 cm Höhe oder noch höher zu veredeln, ist der Spielraum für die Höherlegung der Veredlungsstelle nur gering; er beträgt nur 20-30 cm. Durch Höherveredeln wird die Baumschulleistung, d.h. Stammumfang, die Länge des Mitteltriebes sowie die Zahl und Gesamtlänge der Seitentriebe beeinträchtigt. Der Nachteil der Hochveredelung kommt aber besonders in den Ertragszahlen zum Ausdruck. 
Zur Verhütung des Kragenfäulebefalls bei 'Cox Orangenrette'auf M9 sollte anderen Maßnahmen der Vorzug gegeben werden. Eine Möglichkeit ist die Einschaltung eines resistenten Stammbildners.

Einfluß der Veredlungshöhe auf die Baumschulleistung von Cox/M9

Cox/M9

Mittlerer
Stammumfang
in 40 cm Höhe
mm

Mittlere Länge
des Mitteltriebes
cm

Mittlere Anzahl
aller Neben-
triebe

Mittlere Gesamt-
länge aller
Nebentriebe
cm

direkt über dem 
Boden veredelt

48,2

151

30,4

676

20cm hoch veredelt, 
normal hoch gepflanzt

44,9

142

26,1

521


Ertragsleistung von Cox/M9 bei unterschiedlicher Veredlungshöhe in den ersten 5 Standjahren

Cox/M9

Mittlerer Ertrag des Einzelbaums
1960-1964 [kg]

direkt über dem Boden veredelt

36,48

20cm hoch veredelt, normal hoch gepflanzt

30,63


Einfluß der Veredlungshöhe auf das Wachstum von Süßkirschen 

Prunus cerasus bietet sich wegen seiner gegenüber Prunus avium höheren Frostbelastbarkeit und deutlich geringeren Neigung zu Gummifluß über den positiven Unterlageneinfluß hinaus auch als Stamm an. In den noch nicht abgeschlossenen Versuchen wurde als Unterlage die mittelstarkwachsende 'Weiroot 13' und als Edelsorte 'Königskirsche' ('Büttners') verwendet. 

Vegetative Entwicklung 

In Abhängigkeit von der Veredlungshöhe ergibt sich eine unerwartete Beeinflussung: die in 15 cm Höhe veredelten Bäume weisen nur 2/3 des Kronenvolumens des Maximalwertes der 60 cm Variante auf. Die vom Kernobst bekannte wuchsmindernde Wirkung der Veredlungshöhe wird erst bei (Unterlagen-) Stammlängen von 75 und 90 cm erreicht. Diese Höhen sind obstbaulich weniger interessant. Für die mit abnehmendem Stammanteil des starkwüchsigen (avium-) Partners zu beobachtende Volumenzunahme steht eine Erklärung bisher noch aus. 

Die Veredlungsstelle 

Bei den natürlichen Wuchsunterschieden von Prunus avium und Prunus cerasus ist ein sorten- bzw. typenabhängiges Überwachsen des Sortenstammes vorprogrammiert. Während es allerdings beim Apfel auf M9 keine Probleme gibt, sollte nicht zuletzt wegen der Neigung der Süßkirsche zu Gummifluß, die Wulstbildung so gering wie möglich gehalten werden. 
Die Stammquerschnittsflächen unter- und oberhalb der Veredlungsstelle nehmen entsprechend der konischen Verjüngung des Stammes bei Unterlage und Edelsorte mit zunehmender Entfernung vom Wurzelhals ab und betragen in 90 cm Höhe nur noch 80 bzw. 91 % des Ausgangswertes in 15 cm Veredlungshöhe. Die vergleichsweise stärkere Abnahme des schwächeren Unterlagenpartners läßt bei höheren Veredlungsstellen grundsätzlich eine ungünstigere Relation entstehen. Das steigert sich noch, wenn der Kronenaufbau unmittelbar aus dem Edelreis erfolgt, also Leitäste nahe der Veredlungsstelle zusätzliches Dickenwachstum und letztlich Verspannungen erzeugen. 
Entsprechend den vorliegenden Ergebnissen sollte die Veredlungshöhe von Süßkirschen auf verzwergenden Unterlagen niedrig angesetzt werden. Dies dürfte umso wichtiger sein, je schwachwüchsiger (strauchartiger) die gewählte Unterlage ist, da ein "Mitgehen" des Dickenwachstums im Basalbereich eher möglich ist. Auf jeden Fall ist eine deutliche Trennung von Veredlungsstelle und Kronenansatz anzustreben.