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Die Sortenentwicklung im 20. Jahrhundert


Mit dem Anwachsen der Städte und der zunehmenden Industrialisierung verstärkte sich die Nachfrage nach Obst. Die Zeit des "gelehrten Liebhabers", die Epoche der pomologisch geschulten Pfarrer, Ärzte, Lehrer und Apotheker ging allmählich ihrem Ende entgegen. Die Fortschritte in Wissenschaft und Technik schlugen sich auch in der Praxis des Obstanbaus nieder. Sehr viel hat sich im Lauf der Zeit geändert. Die Sortenwahl erfolgt heute nach anderen Gesichtspunkten als früher, die Pflanzweisen und Erziehungsmethoden haben sich erheblich gewandelt, neue Unterlagen und Baumformen haben sich durchgesetzt. Neben dem Streben nach Beherrschung der Anbautechnik (Düngung, Schnitt, Pflanzenschutz) interessieren jetzt in zunehmenden Maße Fragen der Arbeits- und Betriebswirtschaft sowie des Marktes und der Absatzmöglichkeiten. 
Der Erwerbsobstbau soll sich in Zukunft auf festfleischige, lagerfähige, gut gefärbte, haltbare und in der Qualität befriedigende Sorten konzentrieren. Seit dem ersten Weltkrieg werden deshalb Sortenlisten für die verschiedenen deutschen Anbaugebiete erstellt. 
Der Landesinspektor für Obst- und Gartenbau in Bayern, Fridolin Rebholz, verfaßte "Die emp fehlenswertesten Obstsorten für das Königreich Bayern", Nürnberg 1908, mit lediglich 30 Obst sorten. Für den "Obstbau in rauhen Lagen" hält der Obstbaulehrer für den Kreis Konstanz H. Grote(Wiesbaden 1910) 20 Sorten für empfehlenswert. J. Müller, O. Bissmann, W. Poenicke, H. Rosenthal und O. Schindler erwähnen in ihrem 7 bändigen Werk "Deutschlands Obstsorten", Stuttgart 1905-1934, zum ersten Mal auch die schlechten Eigenschaften der Sorten. Auf farbigen Tafeln sind die Früchte mit Fruchtholz und Blättern sowie eine reife Frucht in Längs- und Querschnitt in natürlicher Größe dargestellt. Sehr verbreitet war das Werk des Obstbau-Oberlehrers E. Junge in Geisenheim "Anbauwürdige Obstsorten", Wiesbaden 1937 oder die Büchlein in Taschenformat von G. Schaal, Obstbauinspektor in Württemberg über "Wertvolle Apfel- und Birnensorten", Stuttgart 1930. 
In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstand eine Periode der Erneuerung des Obstbaues und der Pomologie, die immer mehr auf die modernen Erwerbs-Obstarten ausgerichtet war. Im Vordergrund stehen der Handelswert und die Lagerfähigkeit der Sorte, als wichtigste Merkmale, um sich den Anforderungen des Handels und der Verbraucher anzupassen. Es sollte erreicht werden, den Erwerbsobstbau auf einige wenige gute Sorten zu beschränken. 1951 erwähnten die Landwirtschaftskammern 120 Apfelsorten, die im Erwerbsanbau standen. Davon konnten als Hauptsorten für die Zukunft allerdings nur 13 empfohlen werden ('Klarapfel', 'James Grieve', 'Jakob Lebel', 'Oldenburg', 'Goldparmäne', 'Boskoop', 'Roter Boskoop', 'Kaiser Wilhelm', 'Ontario', 'Cox', 'Laxtons Superb', 'Jonathan', 'Bohnapfel'). Für den Versuchsanbau waren damals 'Golden Delicous' und 'Ingrid Marie' vorgesehen. Es wurden keine weiteren Empfehlungen für Liebhaber- oder Mostäpfel gegeben, um das Sortiment nicht wieder unnötig zu vergrößern. 
Innerhalb der einzelnen Bundesländer kam es trotzdem zu einer erheblichen Verschiebung in der Bedeutung einzelner Sorten. In Hamburg und Niedersachsen dominierten noch lange die Altländer Lokalsorten 'Finkenwerder' und 'Horneburger', in Bayern spielte 'Boskoop' die größte Rolle, in Hessen und Baden Würtemberg, den wärmeren Gebieten, galt das für die 'Goldparmäne'. 
Die Fachgruppe Obstbau im Bundesausschuß Obst und Gemüse hat 1960 eine ständige Bundesobstsortenkommission gebildet, deren Aufgabe es ist, aufgrund der Sortenbewegung im In- und Ausland, die Bundesobstsortenlisten für den Erwerbsobstbau den Bedürfnissen des Marktes anzupassen. Innerhalb der Länder wurden ständige Obstsortenkommissionen gebildet. Außerdem wurden Bezirkssortenlisten für den Selbstversorger und Liebhaberanbau unter Führung der zuständigen Gartenbaureferate bei den Regierungen, in Zusammenarbeit mit erfahrenen Sortenken nern, erlassen. Es sollte eine Einschränkung der Sortenzahl für den Erwerbsanbau erreicht werden um größere Posten einheitlicher Sorten anbieten zu können. Bei Äpfel und Birnen soll sich das An bausortiment möglichst auf 3-4 Hauptsorten der Landessortenliste beschränken. Nur bei Süßkirschen muß das Sortiment größer sein, um den Markt laufend beliefern zu können. 
Die Bundessortenliste für Äpfel von 1960 enthielt folgende Sorten: 'Klarapfel', 'James Grieve', 'Gravensteiner', 'Geheimrat Oldenburg', 'Goldparmäne', 'Ingrid Marie', 'Holsteiner Cox', 'Cox Orange', 'Finkenwerder Prinz', 'Horneburger Pfannkuchen', 'Berlepsch', 'Boskoop', 'Jonathan', Golden Delicio us', 'Winterglockenapfel', 'Champagner Renette'. Empfohlen wurden außerdem 18 Spezialmosts orten. Bundessortenlisten wurden ebenfalls für Birnen, Pflaumen, Zwetschgen, Kirschen und Pfirsiche aufgestellt. 
Der Konkurrenzdruck ausländischer Obstbaugebiete, die qualitativ hochwertiges Kernobst der gefragten Sorten auf den deutschen Markt lieferten, zwang die einheimischen Anbauer zur Intensivierung der Produktion und zur Reduzierung der Sortenpalette. Es begann die Epoche der Rationalisierung der Produktionstechnik, die den heutigen Erwerbsobstbau prägt. Die Kräfte des Marktes sorgten innerhalb kürzester Zeit für eine völlige Umstellung auf wenige Edelsorten. Anfang der 70er Jahre entstand der bedrückende Eindruck, daß die Sorte 'Golden Delicious' das vielfältige und an Geschmacksqualität nuancenreiche Angebot völlig vom Markt verdrängen könntee. 1972 hatte diese Sorte einen Marktanteil von 56 % erobert. Durch Anpflanzungsprämien und parallel dazu gezahlten Rodeprämien wurde die Umstellung auf moderne Anbausysteme und auf ein markt gängiges, aus wenigen Edelsorten bestehendes Sortiment, gefördert. Im Rahmen der Flurbereinigung wurde der Streuobstbestand häufig bis um die Hälfte reduziert. Ein ausgesprochen enges Sortiment wurde 1972 von der Bayerischen Landesobstsortenkommission empfohlen. Es enthielt nur 4 Haupt- ('Golden Delicious', 'Cox Orange', 'Boskoop, 'Jonathan') und 2 Ergän zungssorten ('James Grieve', 'Roter Berlepsch') für besondere Klimabedingungen oder Absatz verhältnisse. 
Die ungeheuere Vielfalt der Sorten wurde so im Laufe dieses Jahrhunderts mehr und mehr auf eine ökonomisch rationelle Sortenpalette reduziert. Im ökonomischen Selektionssieb sind alle Sorten durchgefallen, die geringe Erträge brachten, wenig lager- und transportfähig, geschmacklich nicht hochwertig, äußerlich wenig ansprechend, im Holz und Laub zu pflegeintensiv waren und hohe Ansprüche an den Standort stellten. 
Die Wissenschaft der Pomologie erfuhr damit auch einen merklichen Rückgang. Die ausschließlich beschreibende Sortenkunde erwies sich als unzureichend und unbefriedigend. Die modernen Sortenwerke enthalten heute Angaben, die für den Anbauer und Hobbygärtner gleichermaßen wichtig sind, wie z.B. die genetische Abstammung, den Anbauwert, die Eignung für Erwerbs, Liebhaber- oder Selbstversorgeranbau, Nachteile der Sorte, Gehalt an wertgebenden Inhaltsstoffen (Vitamin C), Mutanten, Standort, Verbreitung, Baum und Frucht, Unterlagen, Blütezeitpunkt, Pollen spender, Pflück- und Genußreife, Haltbarkeit im Kühl- und CA-Lager, Anfälligkeit gegen Krankheiten und Schädlinge. Als herausragende Arbeiten gelten hier die Bücher von R. Silbereisen "Apfelsorten - Marktsorten - Neuheiten und Mostäpfel", Stuttgart 1975, und G. Götz und R. Silbereisen "Obst sorten Atlas", Stuttgart 1989, sowie das von W. Votteler, das als "Verzeichnis der Apfel- und Birnensorten", München 1986, 1240 Sortenbeschreibungen enthält. Die Bilder stammen von dem im Raum Freising wirkenden Pomologen Pfarrer K. Aigner (1885-1966). Er ist im Landkreis Erding geboren und war viele Jahre Pfarrer in Hohenbercha bei Freising. Seine Leidenschaft, Apfel- und Birnensorten zu malen, ließ rund 1000 präzise und künstlerische Werke entstehen, die uns heute eine wertvolle Dokumentation zur Pomologie in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts vermitteln. Diese umfangreiche und künstlerisch wertvolle Obstkartei vermachte er dem Obstbauinstitut der TU in Weihenstephan.